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Dorothee Janssen

Vom Mut alter Menschen

Schöne Fotos, eindrückliche Gedanken. Eine Bildergeschichte von Inke Raabe.

Dorothee Janssen

Schlamm

Der Boden im Wald ist vollgesogen. Das Wasser quillt gemächlich aus dem Boden und rieselt erst und fließt dann schräg hinab bis es keine Neigung mehr gibt. Die Waldarbeiter fanden nur schwer Halt auf dem glitschigen Untergrund. Jetzt ist der Baum ab, die Arbeit geschafft, das Holz abtransportiert. Sie stehen am Büdchen vor dem Bahnhof, wo es in der Stadt die beste Currywurst gibt. Ihre Hoffnung richtet sich auf den Rest des Tages, den Verein, das Fernsehprogramm. Sie geraten in eine Diskussion um Politik, aber sie sind zu müde, um noch ihren Standpunkt zu behaupten.

Im Wald ist immer noch keine Ruhe eingekehrt. Jugendliche haben einen mobilen WLan-Router aufgestellt. Einige kümmern sich um die Technik, andere sehen sich aufmerksam um. Der Ort ist ideal. Sie schnuppern den Duft des frisch geschlagenen Holzes, betrachten die Spuren der Arbeit und bleiben vor dem Wasserlauf stehen. Die Arbeiter hatten eine Kerbe in den Waldboden gezogen, damit das Wasser wenigstens an einigen Stellen in eine Richtung abläuft, die sie bestimmen können. Die Vögel drehen jetzt noch einmal so richtig auf. Die Jugendlichen müssen lachen. Sie drehen einen Beitrag für ihren Youtube-Kanal.

Dorothee Janssen

Donnersberger Warte, die Langobarden und der Klimawandel

Von der Donnersberger Warte aus hat man einen wunderbaren Blick in Richtung Obermarsberg, wo die Stiftskirche über einer durch Karl den Großen zerstörten Stätte der Irminsul steht. Den historischen Ort der Zerstörung findet man in der Krypta. Er ist durch den Altar des Heiligen Sturmi gekennzeichnet. Karl der Große hatte die Sachsen geschlagen und, nachdem er zwischendurch woanders zu tun hatte, noch mal geschlagen. Für Kinder gibt es rund um die Stiftskirche mit einem Rittersymbol markierte Stätten, an denen auf kleinen Tafeln alte Geschichten erzählt werden. Unter anderem diese:

Der Sachsenkönig fand den Schlüssel zum Geheimgang nicht. In der Nacht davor hatte er geträumt von dieser Situation und in dem Traum hatte er mit dem Fuß aufgestampft, woraufhin ihm der Schlüssel vor die Füße fiel. Nun versuchte er es also auch in der Wirklichkeit - und siehe da: es funktionierte.

Karl der Große hatte die Ereseburg kurzzeitig aus politischen Gründen verlassen müssen. Er war zwischen Spanien und der Eresburg und dann wieder Italien unterwegs, um die Sachsen und andere Völker endgültig zu unterwerfen. Beeindruckende Strecken, die der Herrscher zurücklegen musste, um sein Reich zusammenzuhalten und seine Interessen zu vertreten. So viele Völker, so viele Sprachen, so viele Gegenden. Berge, Meere, weite Wälder. Nehmen wir mal ein Beispiel: Wer waren eigentlich diese Langobarden? Sie stammten aus Nordeuropa, vielleicht Skandinavien, siedelten irgendwann um (Völkerwanderung) und fielen schließlich im heutigen Italien ein, wo sie zwar die Sieger blieben, aber im Laufe der Jahrhunderte ihre eigene Kultur in der römischen Kultur aufging. Einfallen konnten sie in Italien nur, weil das oströmische Reich woanders zu tun hatte. Dieses Machtspiel begann im 6. Jahrhundert und zog sich dann hin.

Die Stadtbüchereien haben in der Regeln noch Meyers Illustrierte Weltgeschichte in ihren Regalen. Im Band 9 - Entstehung der großen Religionen - findet sich allerhand Spannendes über die Entstehung des Christentums. Die Langobarden waren zum Teil Arianer. Wußten Sie das?

Damals schrieb Benedikt seine Regel auf, das Mönchtum breitete sich als Lebensform aus, denn im Kloster war es sicherer als in der wilden Welt, und Gesetze wurden verläßlich formuliert als eine Entwicklung aus römischen, germanischen und christlichen Rechtsvorstellungen.

Die Donnersberger Warte wurde erst Ende des 14. Jahrhunderts erbaut. Damals diente sie den Obermarsbergern als Beobachtungsturm. Unser Dank gilt denen, die den Turm in Stand halten, so dass man hochsteigen kann, in die Weite schaut und dabei der Blick auf die Stiftskirche in Obermarsberg trifft. Die hat noch mal ihre eigene Geschichte.

Frische Luft beim Betrachten der Landschaft.

Da kommen einem so manche Gedanken über die Entwicklung des Christentums. Wenn wir nicht ständig in Bewegung wären und immer neu Formen für unseren Glauben fänden, wäre er längst tot. Dass die mächtigen Langobarden die römische Kultur nicht zerstören konnten, ist bedenkenswert. Dass es Jahrhunderte dauerte, bis wir endlich in der Lage sind die Menscherechte zu formulieren und ihnen zur Durchsetzung zu verhelfen, ist ebenfalls bemerkenswert. Mit dem Blick über das Land, den vielen Gedanken und neuen, alten Informationen kann ich meine Sorgen und Hoffnungen in die Weltgeschichte einfügen. Ich komme zu dem vorläufigen Schluß, dass bis jetzt der Fortschritt auf allen Gebieten unübersehbar ist.

Dorothee Janssen

qaul.net – قول

Mesh-Netzwerk meets Art. Hat was mit Freiheit und aber auch mit Technik zu tun. Schön.

Dorothee Janssen

Dorothee Janssen

The Young Pope #imho

4 min read

Eine 9jährige Seele regiert ein Fünftel der Menschheit

Eine Fernsehserie aus Italien/USA von Paolo Sorrentino kann nicht schlecht sein. Held ist Pius XIII., dessen Pontifikat wir von Anfang an miterleben. Jude Law in Weiß (ob im Papstgewand oder im Jogginanzug) ist schön. Wem es nicht auffällt: Es wird oft genug gesagt. Diane Keaton ist mütterlich. Das macht die Rolle der Nonne und persönliche Assistentin des Papstes. Insgesamt kommt die Serie per Netflix und DVD (2017) zu uns. Die erste Staffel ist bereits erhältlich. Eine berühmte Modefirma ist im Abspann genannt, der viel zu schnell durchläuft, als dass man ihn lesen könnte. Produziert wird die Serien von Sky, HBO, Canal+ und Wildside.

Ist das Ganze ein Witz?

Das Interesse des Zuschauers wird durch eine Mischung aus Ironie und Politik bei Laune gehalten. Die katholische Kirche wirkt hier nur als Schauplatz. Die Bilder sind schön wie der Papst. Farben und Bildkomposition sind nicht von dieser Welt. Sie sind gestaltet und unterhalten einen gut, verhindern aber ein allzu persönliches, emotionales Mitgehen.

Da gibt es diese Container aus Holz mit dem Wappen des Vatikanstaates darauf, in denen Sperriges transportiert wird. Zum ersten Mal taucht er auf, als ein Sarg mit einer Leiche in den Vatikan geliefert wird. Zum zweiten Mal holt man die Tiara heraus, die der Papst zurückgekauft hat.

Da gibt es dieses Känguru, das in den vatikanischen Gärten lebt, weil der Papst es so will. Manchmal begegnen sie sich, schauen sich an und er sagt: "Hüpf."

Die Mimik der Schauspieler ist eine Wucht. Es macht einfach Spaß, ihnen beim Trauern, Denken, Zögern, Schmachten ... zuzusehen. Der Staatssekretär, gespielt von Silvio Orlando, ist mein Favorit. Er könnte die Grenzen der Unterhaltung brechen und zu einer vielschichtigen Gestalt werden, wenn nicht auch seine Rolle dem Holzschnittartigen der TV-Serie als Unterhaltungformat unterworfen wäre.

Man lernt nichts. Man wird nur unterhalten. Das Ganze kommt ohne pädagogischen Anspruch daher, der niemandem fehlen dürfte, denn man wird gut unterhalten und erkennt dabei Allzumenschliches wieder. Dieses Dümmliche mancher Comedie geht The Young Pope ab. Ironie als roter Faden bedeutet hier: Man kann nie wissen, wie es gemeint ist, man weiß nur, dass man nicht belehrt wird.

Es gibt einen Schauspieler mit schwerstmehrfacher Behinderung, dessen Rolle vorbildhaft sein kann. Er ist weder Opfer noch Leidender noch Mittel zum Zweck. Seine Persönlichkeit wird nicht mehr geformt durch die Rolle als die anderer Schauspieler. Dass sein Name nicht genannt wird, ist bedauerlich. Mit gutem Willen lässt sich das nachholen. -> Ich werde recherchieren und hier ergänzen.

Rezeption der Serie in unseren Kreisen

Der Gläubige mit Sinn für Humor (anderfalls dürfte es ihm hochkommen) wird auf seine Kosten kommen, denn die Dialoge enthalten Zitierbares in Kalenderspruchlänge. Glücklicherweise geht es nicht darum, den Vatikan darüber zu informieren, was bei ihm los ist und wie er es besser machen kann.

Wo der Blick in unserer Kirche bereits für TV-Serien geschärft ist, gibt es Kritiken. Leider wird die Aufmerksamkeit von der Hütte überschattet. (Ein Kinofilm, den ich nicht empfehlen kann. Anderes Thema)

  • Aimen ist die Abkürzung für eine artifizielle Intelligenz, die im Internet das Wort Gottes im Auftrag Pius XIII. predigt.
  • domradio hatte die Serie beim Filmfestival in Venedig entdeckt.
  • katholisch.de hatte bereits im Oktober 2016 den Regisseur interviewt.
  • Auf hinsehen.net hat Deborah Görl bereits im Oktober 2016 gebloggt.

stilbildend

Man trägt wieder Krone. Eine notwendige Ergänzung zum Kaffeebecher mit dem Aufdruck "hinfallen - Krone richten - weitergehen".

"Kompromiss" wird aus unserem Wortschatz gestrichen. Wir suchen nicht mehr nach zielführenden Kompromissen, sondern nehmen an der Macht des Einen teil. Früher konnte man das in Seilschaften tun, weil alle nach Harmonie strebten. Heute kann es nur noch Einen geben.

Asexualität löst dieses Gender ab. Oder es ist schon passiert.

Wer nicht liebt, ist feige.

Schönheit liegt nur dann im Auge des Betrachters, wenn wir etwas dafür tun.

Hunger ist eine Folge der Sünde.

... to be continued

Dorothee Janssen

Barrierearme Abendmahlsliturgie oder "Wie wir das erste Mal in der Marienkirche waren"

5 min read

Herr A wohnt seit einem Jahr in einem neuen Wohnhein in einer neuen Stadt. Fußläufig ist die katholische Kirche 15 Minuten entfernt, aber es gibt vielbefahrene Straßen mit schnellen Autos. Da niemand die Zeit aufbringt, mit ihm zu üben oder ihn zu begleiten, kann er nicht in die Kirche.

Gründonnerstag 2017 sind wir zum ersten Mal gemeinsam in die Marienkirche gegangen, denn die hat eine Rampe. Die schwere Eichentür kann selbst ich nur mit Mühe öffnen. Aber vor uns ging ein Mann mit Rollator hinein, dessen Begleiterin uns die Tier offenstellte. Dann standen wir vor der Schwingtür. Sehr wenig Raum zwischen Schwingtür und Eichentür. Das würde später beim Rausgehen schwierig werden.

Herr A ist geistig behindert und sitzt im Elektro-Rollstuhl. Er kann ihn zwar steuern, aber es fällt ihm schwer, etwas mitzuteilen. Wenn er Probleme mit der Steuerung hat oder nicht sieht, wo er hinfährt, sagt er das nicht. Das muss seine Umgebung schon selber merken.

Wir suchten uns einen Platz in der Kirche, die groß und weitläufig ist, hoch und mit viel Platz in den Gängen. Der Vorteil: Ein Rollstuhlfahrer muss nicht vorne vor er ersten Reihe oder hinten am Ausgang sitzen. Herr A saß in einem Zwischengang, ohne dass wir beim Kommuniongang den Weg versperrten.

Der Mann mit dem Rollator tauchte im Meßgewand im Altarraum auf. Ein behinderter Diakon. Das ist für Herrn A eine wichtige Erfahrung, die ich zu einem anderen Zeitpunkt gerne mit ihm im Gespräch verdeutlichen möchte. Er ist kein Außenseiter mehr, wenn er Hilfe benötigt. Im Altarraum waren erwachsene Meßdiener an seiner Seite, die offensichtlich nicht dazu abgestellt waren. Man ging einfach aufmerksam miteinander um.

Kirchenvolk und Pfarrteam

Nach dem Einzug ging der Pfarrer erst einmal ans Ambo. Er bat die Gemeinde, sich einen Augenblick zu setzen. Dann erklärte er die Bedeutung des Triduums und bekannte, er sei aufgeregt, denn dies sei sein erstes Osterfest in dieser Gemeinde. Er freue sich, dass sein Team dabei sei und stellte die Geistlichen mit Namen vor.

Die Gemeindemitglieder saßen bis auf wenige Ausnahmen stocksteif da. Wer sich kannte, begrüßte sich, man redete miteinander, aber kaum jemand nahm freundlich Notiz von den anderen. Anders im Altarraum: kleine und große Meßdiener wirkten entspannt und hatten offensichtlich Freude an ihrem Dienst. Die Kleinen waren sicherlich aufgeregter als der Pfarrer, aber alle strahlten in Körperhaltung und Mimik etwas aus, das der Gemeinde fehlte. Hier versteinerte Gesichter, da erwartungsfrohe Gesichter.

Herr A saß einfach in seinem Rollstuhl. er bewegte sich kaum. Aber es ging ihm gut. Er schlief nicht ein (was auch manchmal passiert) oder spielte mit seiner Steuerung rum. Wir kennen keine Gemeindemitglieder. Vielleicht haben wir mal die Möglichkeit, an einer Versammlung teilzunehmen. Dann ergeben sich möglicherweise auch Kontakte.

Lakmustest Kommuniongang

Der Pfarrer hatte angekündigt, es werde aus gutem Grund die Kommunion in beiderlei Gestalt gereicht. In seiner "Heimatgemeinde" bringen die Kommunionhelfer Herrn A die Hostie zum Platz. Ich war gespannt, ob wir nach vorne "gehen" würden und wie die Kommunionhelfer damit umgehen würden.

Es gab 4 Teams von Kommunionhelfern: jeweils 1 Mensch mit Hostienscha le und einer mit Kelch. 2 Teams kamen in den Zwischengang und hatten nun ein wenig Probleme mit dem dicken E-Rolli, denn geprobt hatten sie natürlich ohne dieses Ding. Die Gemeindemitglieder hatten offensichtlich Probleme den Rollstuhl wahrzunehmen, denn sie umrundeten ihn sehr umständlich. Die beiden Kommunionhelfer gingen zu Herrn A und der mit der Hostienschale reichte ihm die Kommunion und stellte sich dann an den Platz, an dem sich bereits eine Reihe von Kommunikanten aufgestellt hatten. Der mit dem Kelch fragte mich, ob ich auch die Kommunion wünsche. Ich bejahte und er sagte seinem Kollegen Bescheid, der noch mal rüberkam. Dann bekam ich den Kelch gereicht. Ich fragte Herrn A, ob er auch den Kelch wünsche und er nickte. Der Kommunionhelfer beugte sich vorsichtig zu ihm, kam dann aber nicht recht weiter, da Herr A überhaupt nicht reagierte. Ich nahm dem Kommunionhelfer den Kelch ab und reichte ihn Herrn A. Dann ging alles normal weiter.

Die beiden Kommunionhelfer waren auch die, die im Altarraum das meiste mit dem Diakon (dem Mann am Rollator) zu tun hatten. Ungewöhnliche Situationen erfordern erhöhte Aufmerksamkeit und ungewöhnliche Wege der Kommunikation.

This is not the end

Wir mussten direkt nach dem Schlußgebet raus, denn das Wohnheim bietet nach 22 Uhr keinen Service mehr für die Pflege. Das war ganz gut, weil wir bei der Prozession zum Seitenaltar gewiß im Weg gestanden hätten.

Herr A wirkte entspannt und zufrieden. Der Heimweg verlief erwartungsgemäß nicht ganz problemlos, weil wir eine Ampel zu nutzen hatten, deren Grünphase selbst ich nicht schaffe. Herr A braucht Zeit, bis er die Erkenntnis, dass grün ist, in eine Handlung umsetzen kann. Darum mussten 2 Ampelphasen vergehen, bevor wir den Mittelstreifen erreicht hatten. Der Problem am 2. Abschnitt der Straßenüberquerung war ein Auto, dass bei Rot auf uns zufuhr. Ich wedelte wild mit den Armen und wir hatten nochmal Glück. Abgesenkte Bordsteine sind nicht immer so abgesenkt, dass ein entspanntes Fahren möglich ist. Da ist beim Städtebau noch viel Luft nach oben. Andererseits wird sich vieles durch Training und gute Rollstuhlversorgung meistern lassen.

Dorothee Janssen

Yes: Beim Bestellen des Aktionsmaterials bei der Aktion Mensch muss man einige Angaben machen, die in meinem Fall sehr dünn ausfielen. Über Nacht kam mir die Idee für eine Kunstaktion. Die wird am 5. Mai stattfinden. Direkt am Büro an der Messmannstraße in Witten-Herbede. Am Mittwoch vorher werde ich diese Aktion unterstützen mit meiner Anwesenheit und Neugier.

Dorothee Janssen

Palmsonntag 2017 - eine unhaltbare Predigt

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"Die Gemeinde will das so." Einer der dümmlichsten Sätze unserer Pastoral. Er entstammt einem klugen Satz: "Die Gemeinde versammelt sich am Sonntag zur Heiligen Messe." Das ist, wie es sein soll. Es versammelt sich aber nicht die ganze Gemeinde an einem einzigen Ort. Darüber gäbe es viel nachzudenken.

Wir schleppen manches Allgemeingut mit uns herum. Beispielsweise höre ich immer wieder von Eltern, dass sie bestimmte Dinge für ihre Kinder kaufen, damit sie keine Außenseiter seien. Sie selbst seien nicht dafür, aber so sei es nunmal. Alle machen es so.

Im Kommunionkinderunterricht in den 60igern hörte ich, dass die gleichen Menschen, die Jesus mit Hosianna begrüßten später "Kreuzige ihn!" riefen. Das ist mir dermaßen in die Glieder gefahren, dass ich seitdem kein Hosianna mehr singen kann, ohne daran zu denken. Die Menschenmenge ist ein gefährliches Ding. Sie jubeln und freuen sich und dann lynchen sie. Sie können nichts dafür und waren nur dabei. Der Einzelne als Teil der Masse. Zugehörigkeit und Unverantwortlichkeit. Ein Christ kann sich in der Menge nicht verstecken. Gott sieht mich auch in der Menge. Aber es ist nicht die Angst vor einem strafenden Gott, die mir im Erstkommunionunterricht vermittelt wurde, sondern die Selbstbestimmung. Zu einer Zeit, als das Bejammern der grasierenden Individualisierung die Weiterentwicklung und Veränderung christlicher Gemeinden zu hemmen begann, lehrte man uns, dass Jesus uns liebt. Kein dummer Spruch. Als Kind habe ich verstanden und bis heute behalten, dass Gott mich vorraussetzungslos liebt. Dass ich diese Liebe erwidern soll, habe ich später im Studium erfahren. Wenn die Botschaft glaubwürdig ist, muss man sie nicht bis in die Staubecken ausdeuten. Ich hätte das Studium der Religionspädagogik nicht begonnen, wenn Gott mich nicht lieben würde und ich dies nicht erführe. Gottes Liebe ist ein Grund zum Jubeln.

Geliebt zu werden macht uns stark - zu lieben macht uns mutig, sagt Laotse

Alle standen sie da und begrüßten Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem. Großes Hallo! In der Martinskirche ging das Evangelium, wie viele der langen Texte, an den Zuhörern vorbei. Viele Zusammenhänge und die ganze Dramatik ist fremd. Da muss zu viel erklärt werden, als dass man zum Eigentlichen kommen könnte. Nur Eines wurde gehört:

Die Heilige Woche

Darüber wollten manche hinterher und am nächsten Tag mehr wissen.

  • Wirklich eine ganze Woche?
  • Was passiert da?
  • Wo finden Gottesdienste statt?
  • Kann ich da auch hin?

Aber Menschen mit Behinderung können leider, leider oft nicht an unseren Gottesdiensten teilnehmen. Der Plegedienst hat ein Zeitfenster, das zu den außergwöhnlichen Zeiten nicht paßt. Der Fahrdienst fährt nach 22 Uhr nicht mehr. Die Mitarbeiter auf den Wohngruppen sind leider zur Zeit schlecht besetzt. Die Gemeinde (s.o.) ist mit diesem Problem überfordert. So bleibt abzuwarten, wer in dieser Heiligen Woche die Liturgie mitfeiern wird, die mit ihrer Bildsprachen und der Passion auf Ostern hinführt. Die Auferstehung fanden viele Zuhörer in der Martinskirche unmöglich. Wer stirbt, ist tot. Dass dieser Jesus Menschen auferwecken kann, fanden sie fragwürdig und wollten Erklärungen. Auf diese Weise begann vor 2000 Jahren die junge Kirche. Man gab das Wort vom Evangelium weiter, teilte Brot, sorgte für Kranke und Witwen. Was tun wir heute? 2017. Was ist wirklich dran? Und wie machen wir es am besten?

In dieser Heiligen Woche, die heute beginnt, ist kein Raum für Konzeptentwicklung. Jetzt ist die Zet der Aufmerksamkeit und der Gemeinschaft. Die Passion steht im Mittelpunkt. Wie schön wäre es, wenn alle, die wirklich daran interessiert sind, Wege und Wegbegleiter finden würden.

Dorothee Janssen

Nachdenken über Gemeindepastoral x Konzeptentwicklung

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Ein Esel steht auf einem Weg mit dem Rücken zur Ferne und frißt trockenes Gras.Das Bistum Essen bietet seinen Mitarbeitern Schulungen in Konzeptentwicklung an. Teilnehmen können alle Mitarbeiter, so dass ein fruchtbarer Austausch verschiedener Berufsfelder entsteht. Konzeptentwicklung hilft pastoralen Mitarbeitern, gewohnte Abläufe zu hinterfragen und neu zu ordnen. In Gesprächen zwischen den Lerneinheiten werden Eindrücke und Erfahrungen in formlosen Gesprächen ausgetauscht. Dabei haben sich für mich 3 Aspekte herausgeschält, die die kulturelle Distanz zwischen Konzeptentwicklung und Pastoralplan sichtbar machen. In meinen Ausführungen beziehe ich mich auf eine fiktive Pfarrei, die die Problematik verdeutlichen soll. Ich äußere hier meine Meinung.

Budgetierung der Arbeitszeit

Bei der Projektskizze und in den Vorplanungen muss die Zeit budgetiert werden, die einzelne Teilnehmer, auch Teamleiter, dafür aufwenden werden. Wie budgetiert man pastorale Arbeit?

Ein Mitglied der fiktiven Pfarrei äußert in der Abschlußrunde des Pfarreientwicklungsprozesses, man wisse überhaupt nicht, was pastorale Mitarbeiter den ganzen Tag machten. Hätten wir unsere Arbeitszeit budgetiert, hätten wir ihm sofort antworten können. Aber wie macht man das?

In der Regel gibt es Aufgabenbeschreibungen. Sie werden einmal im Jahr in Mitarbeitergesprächen abgestimmt. Der Pfarrer ist der Vorgesetzte. Der Pfarrer ist Personalchef, Verwaltungschef, Seelsorger und auch sonst alles und außerdem mitten im Umstrukturierungsprozess. Er muss als Person und als Amtsträger bewahren und erneuern. Er hat nur 24 Stunden am Tag. Er tut, was er kann. Er kann nicht jeder Mode nachlaufen und wird vermutlich nicht begeistert sein, wenn ich ihm vorschlage, dass wir mal im Team gemeinsam unsere Arbeit in Budgetform darstellen. Einen Versuch ist es wert.

Der Öffentlichkeit sind wir pastoralen Mitarbeiter eine Antwort schuldig.

Auftraggeber

In einer Pfarrei ist naturgemäß der Pfarrer der Auftraggeber. In der Pastoral ist es aber so, dass kein pastoraler Mitarbieter seine Arbeit allein auf die Pfarrei beschränkt. Der Pfarrer weiß, dass seine Mitarbeiter im Sinne des barmherzigen Samariters auch schonmal am Wegesrand stehenbleiben. Er vertraut seinen Mitarbeitern und überprüft darum nicht jeden Schritt. Aber das Ergebnis schmeckt ihm nicht immer. Der Pfarrer trägt die Verantwortung, aber fachlich ist sein Mitarbeiter kompetenter als er. Trotzdem muss er ihm Einhalt gebieten. Er muss auf Überforderung reagieren, aber seine eigene Überforderung kann innerhalb des Pastoralteams nicht thematisiert werden. Er selber ist wiederum einem anderen "Auftraggeber" zugeordnet.

Die Begriffe der Projektentwicklung lassen sich nicht auf Begriffe der Pastoral übertragen. Es bleiben Unschärfen  und Unverträglichkeiten. Wenn das, was in der einschlägigen Literatur vertieft und gelehrt wird, in der Pastoral umgesetzt werden soll, muss jeder im Pastoralteam die Eckpunkte verstanden haben. Aber wer weiß schon, was smarte Ziele sind?

Ein Pfarrer, der die Werkzeuge der Projektentwicklung kennenlernt, kann diese für sein Team nutzbar machen (sowohl für Ehren- als auch für Hauptamtliche).

Transparenz

Mit einer Projektskizze werden Abläufe, Ziele, Beteiligungen und Kosten eines Projektes transparent. Das ist nicht immer im Sinne ... öm ... dessen, was wir in einer Pfarrei gewohnt sind. Wer sich nicht auf dem Feld der Projektentwicklung bewegt, wird nicht verstehen, warum er nicht wie bisher auf kurzem Wege mit dem Pfarrer eine Sache verhandelt. (Beispiel: Wir brauchen neue Stühle im Pfarrsaal. -> Wir haben eine Angebot. Kaufen! -> Wir haben ein Projekt "Pfarrsaalgestaltung". Laßt uns erst mal gucken, was da bereits beraten worden ist.)

Wieviel gibt eine Gemeindereferentin eigentlich für ihre Arbeit aus? Was kostet sie die Verwaltung? Bis jetzt sind wir gewohnt, unsere Rechnung auf den Tisch des Pfarrbüros zu legen. Manchmal gibt es Rückfragen. Manchmal wird entschieden, dass für "diese Sache" nichts mehr ausgegeben wird. Wenn es für "diese Sache" aber eine Planung gibt mit Zeit und Geld und Personal und Absprachen und Klärungen und Öffentlichkeitsarbeit, ist das Budget (s. Budget) nachvollziehbar. Das bedeutet für mich viel Arbeit im Vorfeld und mehr Klarheit im Vorgang.

Ehrenamt und Hauptamt

Im Bistum Essen wird vom neuen Ehrenamt gesprochen. Es ist nicht mehr so, dass der Pfarrer sonntags von der Kanzel herab erklärt, was zu tun ist. Viel geschieht in einer Gemeinde, ohne dass das Pastoralteam davon wüsste. Nicht alles ist messbar. Nicht alles ist kontrollierbar.

Hauptamtliche werden mit den Mitteln der Personalentwicklung vom Arbeitgeber begleitet und gefördert. Der Auftrageber/Pfarrer weiß dadrum. Er weiß, wie sein Team in der Pastoral tätig sein kann, weiß aber auch, welche Aufgaben grad liegenbleiben oder nur mit halber Kraft getan werden können.

Ehrenamtliche sind ein weites Feld, weil es so viele Menschen gibt. Es gibt viel mehr potentielle Ehrenamtliche in einer Gemeinde, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt, aber sie lassen sich nicht mehr rekrutieren. Das finde ich spannend und freu mich, dass wir im Bistum Essen mit der Rede vom neuen Ehrenamt dies im Blick haben. Wie genau Ehrenamtliche und Hauptamtliche mit den Mitteln der Projektentwicklung arbeiten können, kann nur verhandelt werden, wenn allen Beteiligten klar ist, was damit gemeint ist.