Skip to main content

Dorothee Janssen

Henne oder Ei? Sie müssen sich entscheiden

3 min read

Wo auch immer ich bin, das Leben stößt mich auf meinen Job im Bistum Essen, wo der Pfarreientwicklungsprozess auf Touren läuft. Der Pfarrer kündigt seinen Abschied an, die Gemeinden fürchten sich vor Kirchenschließungen, Messen sollen trotzdem stattfinden, ... kaum Zeit, Atem zu holen. Ich bin trotzdem ins Ballet gegangen.

Mitten im ersten Tei wendet sich der Dirigent aus dem Orchestergraben an das Publikum und bittet um Verständnis, dass die Vorstellung hier unterbrochen werden muss. Er erklärt, dass der Flügel, der ja auf der Bühne steht, nur per Lautsprecher auf seinem Dirigentenpult für ihn erreichbar sei. Aber da gäbe es ein technisches Problem, das erst einmal gelöst werden müsse.

Sie werden verstehen, dass mich das sofort an den Pfarreientwicklungsprozess und die Zukunftsbildprozesse erinnert.

Wenige Minuten später kommt der Dirigent auf die Bühne und erklärt, er wolle uns (dem Publikum) nur beste Qualität ermöglichen und darum müsse hier für 10 Minuten unterbrochen werden. Danach gehe es aber weiter. Wir applaudieren. Wir finden auch, dass wir die höchstmögliche Qualität erwarten dürfen. In der Einführung zu diesem Ballettabend hatte der Chefdramaturg Christian Beier zum Schluß zwei Prämissen für den Abend ausgegeben:

1. Sie müssen nicht alles verstehen.

2. Auch Emotionen verlangen Mündigkeit.

Nach 10 Minuten Pause erklärt der Dirigent, wie der Einstieg erfolgen soll. Wir hören nun die Musik zunächst ohne das Tanz-Ensemble. Das macht deutlich, dass hier zwei höchst wertvolle Kunstformen auf uns einprasseln. Denn wir hören Live-Musik. Es ist Musik, für die wir ins Konzert gegangen wären. Ich verstehe nun, warum ich unwillkürlich die Augen geschlossen habe. Es ist Ballett und Konzert. Wem gibt der Dirigent hier den Vorrang? Oder muss er Einem den Vorrang geben, um Beidem genügen zu können?

Für mich war es ein nachhaltig beeindruckender Abend. Es war die Musik und der Tanz, das Ballett, die Künstler und - als Zugabe - die Souveränität eines Dirigenten, der sich seiner Sache offensichtlich auch in der Krise sicher ist.