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"Der Papst hat seine Schlüssel verloren" - nur eine Story

Gelangweilt rezitierte sein Sekretär das Tagesprogramm. Er hörte nur mit halbem Ohr zu. Man würde ihn sowieso durch den Tag begleiten. Sein Zeremoniar wirkte schon immer beruhigend auf ihn. Er war einfach für ihn da. So selbstverständlich wie morgens der Kaffee auf dem Tisch und das Volk vorm Balkon.

Allein heute morgen bemächtigte sich seiner eine undurchsichtige Unruhe wie die einer Frau - ansteigend und abschwellend.

Sein Sekretär hatte "Staatsempfang" gesagt und routinemäßig an die Schlüssel erinnert. Kein König tauchte heute mehr mit Reichsapfel und Zepter auf. Sie hatten sich anderen Präsidenten angeglichen, trugen keinen Hermelin und verzichteten auf einen Hofstaat (aber natürlich nicht auf Leibwächter).

Nur der Papst konnte auf so vieles nicht verzichten, da er viel zu unzweifelhaft mit den Ursprüngen dieser Welt verknüpft war und auf ewiges, glückseliges Sein über diese Welt hinaus wies. Er trug immer noch die römischen Gewänder. Eine wunderschöne, wenn auch längst überlebte Mode. Eine Krone trug er nicht. Aber auf eines konnte er unter keinen Umständen verzichten: die Schlüssel.

Diese Schlüssel hatte Jesus Petrus vor einigen hundert Jahren übergeben. Mit ihnen war sein Auftrag verbunden. Er bewahrte sie für sein Volk. Er konnte mit ihnen den Himmel aufschließen.

Noch bevor der Sekretär seinen Vortrag geendet hatte, war die furchtbare Ahnung des Oberhauptes der katholischen Kirche zur Herrscherin seiner Gedanken geworden. Nach außen ruhig und gleichmütig, nach innen ein winselndes Nervenbündel. Gerade, schlank, mit gemeißelten Gesichtszügen, fotogen. Er konnte sich nicht erinnern.

Sein Sekretär stand abwartend vor ihm.

"Danke", sagte er, "Sie können gehen. Gelobt sei Jesus Christus."

"In Ewigkeit. Amen."

Der Sekretär verschwand beleidigt. Er hatte sich auf ein paar Minuten Geplauder mit dem Heiligen Vater gefreut. Ein paar Indiskretionen, ein wenig Klatsch.

In Gedanken ging der Papst alle seine Gemächer durch. Dann machte er sich selbst auf den Weg, Der vatikanische Tresor wurde geöffnet. Keine leichte Sache. Er wanderte von Regal zu Regal, öffnete Schachteln und sah hinter Pfeiler. Die Schlüssel blieben unauffindbar. Da er nun einmal das Oberhaupt seiner Kirche war, war ihm jede Art von Rechtfertigung einem anderen Menschen gegenüber fremd. Aber die Sache mit den Schlüsseln ... . Was könnte es bedeuten, wenn er die Schlüssel nicht mehr in den Händen hielt? "Gott ist gnädig", dachte er, "Er wird seine Schafe auch so in seine Hürde einlassen." Damit läge alle Entscheidungsgewalt bei Gott allein. Entschlossen griff er zum Telefonhörer und besprach sich mit seinem Pressesprecher. Wenige Stunden später wandelte sich die Entrüstung der Kardinäle darüber, in einer wichtigen Angelegenheit übergangen worden zu sein, in Nachdenklichkeit. Radio Vatikan meldete: Im Rahmen des Aggiornamento verzichte der Papst auf die Gewalt über die Himmelsschlüssel. Er gäbe sie Gott zurück, der allein Richter sei. Er, der Papst, sei nur der geringste Diener aller Menschen.

Gianni und Paolo sammelten ihrem Alter entsprechend alles, was sie auf der Strasse Interessantes finden konnten. Ihr Lieblingsplatz war ein brüchiger Schuppen am Meer, der lange einem Trupp Archäologen als Basis gedient hatte. Dort prüften sie alles auf seine Brauchbarkeit und ordneten die Dinge nach einem System, dass in ständiger Veränderung zu sein schien. Auf der Autostrada hatte heute neben ihnen ein ausländischer Sportwagen gehalten. Ein junger Mann hatte ihnen zwei Schlüssel zugeworfen und gerufen, sie mögen gut drauf aufpassen, er käme sie bald holen. "Geht in Ordnung, Sir", hatte Paolo gerufen, denn er hatte schon fremde Sprachen in der Schule kennengelernt. Jeder hängte sich einen Schlüssel um den Hals. So zogen sie weiter.

1986 by DJ

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Der Papst hat seine Schlüssel verloren von Dorothee Janssen ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.