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Dorothee Janssen

Manchmal möchte man mit der Faust auf den Tisch hauen, aber ...

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Zuviel Gesprächsführung und Seelsorgeausbildung machen einen dull. Da hält man lieber mal die Klappe, wenn wieder jemand ausfallend wird, weil es ermüdet, die Zusammenhänge dieser Wutausbrüche zu erkennen und zum hundertsten Mal erklären zu müssen. Zumal nicht jeder wirklich von den Fleischtöpfen Ägyptens weg will.

Zu meinen morgendlichen Lektüren beim Kaffee gehört Twitter. Man weiß, worum die Welt sich grade dreht, wenn man durch ist. Manchmal bleibe ich an einer Aussage hängen, weil sie so stimmig oder herausfordernd ist. Oft schweige ich auch da.

Heute geht es um Ehe für alle. In Berlin steht die Welt unter Wasser. Die Sintflut wird als Bild bemüht. Das ist nicht immer witzig gemeint. Manchmal komm ich einfach nicht dahinter, wie etwas gemeint ist. Katholiken schreiben dies und das bei Twitter. Die einen stehen klar bei den offiziellen Äußerungen der Kirche. Ich herzte einen Tweet, der meine Überzeugung formuliert:

Ich bin entsetzt über die offiziellen Äußerungen meiner Kirche zum Thema Ehe für alle.

Aber die Tweets zeigen auch, dass das Thema Hass im Netz angegangen werden muss. Evangelische Mitchristen schlagen vor, doch die Kirche zu wechseln. Das ist noch nicht Haß, aber zumindest unüberlegtes Mitreden. Auch hier zeigt sich wieder die Vielfalt unserer Kirche. Es ist nicht leicht zu erklären, was katholische Kirche eigentlich ist - auch den eigenen Leuten nicht. Dass es Klarheit gibt und wir doch davon ausgehen, dass der Geist weht, wo er will, und Gott unverfügbar ist. Darum sollten wir die urjüdische Tugend des Lehrhauses pflegen und miteinander disputieren. Wir sollten kämpfen, als müsste jeder und jede Recht behalten. Wir sollten dies tun, indem wir einander zuhören und die Standpunkte der Mitmenschen verstehen lernen. In allem sollten wir niemals aufgeben, einander die Liebe schuldig zu bleiben. Diese Gewißheit sollte jeder von uns im Herzen tragen.

Aber nicht jedem Mitmenschen ist das Lehrhaus genehm. Verkaufsoffener Sonntag. Burgerbude. Freizeitpark. Wohlstand. Dabei sein. Dazu gehören. Es gibt eine Fülle an Fleischtöpfen, die wir gern umtanzen - dabei sollte klar sein, dass dieses "wir" aus Menschen besteht, die nicht in allem einer Meinung sind. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Menschen an der Bushaltestelle in zufälligen Gesprächen immer einer Meinung sind? Wahrscheinlich sind sie es gar nicht. Aber es geht auch nicht um das Gesprächsthema, sondern um das Dazugehören, das Wir-Gefühl. Wenn ein Thema nicht klappt, wird schnell gewechselt. Wenn jemand in eine Außenseiterrolle gerät, hört er einfach zu, statt seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Das Lernen ist gesellschaftlich nicht verankert. Das Dazugehören aber wohl. In dieser Gefahr steht auch unsere Kirche in Deutschland.

Wo die Kirche in der Öffentlichkeit einen Standpunkt einnimmt und sich klar positioniert, muss der Einzelne in ihr immer noch seinen Standpunkt suchen und einnehmen. Das sollte klar sein.