Skip to main content

Dorothee Janssen

In der Jungsteinzeit war mehr Zeit für uns (gefunden in Herne)

5 min read

Das Archäologische Museum in Herne ist meine Inspirationsquelle für das Verstehen von Zusammenhängen.

LWL-Museum für Archäologie
Europaplatz 1
44623 Herne

02323 946280
www.lwl-landesmuseum-herne.de

Diesmal ist es eine Grafik in der Sonderausstellung, die die Zeitaufteilung der Menschen in der Jungsteinzeit und heutiger Zeit in NRW zum Thema hat. Was durch alle Zeiten gleich bleibt: unser Schlafbedürfnis. Aber soziale Kontakte werden auf den ersten Blick im Lauf der Menschheitsgeschichte immer kleiner. Ein genauerer Blick lohnt:

Aus der Jungsteinzeit gibt es wenig Daten, die unser Leben differnziert darstellen ließen. In der Zeitleiste heutiger Menschen kommen solche Themen wie Nahrungszubereitung und Bildung und Pflege alter Menschen vor, die in der Jungsteinzeit komplett fehlen. Dabei wird all das damals auch vorgekommen sein.

Differenzierung, Klassifizierung, Rollenklischees

In der Oberstufe im Psychologieunterricht wollte ich nicht glauben, dass wir Rollen spielen. Ich bin ein einziger Mensch. Der Lehrer bestand darauf, dass das so ist. Vom Heiratsmarkt war die Rede, Angebot und Nachfrage in der Partnersuche. Daran musste ich im Pfarreientwicklungsprozess denken, wenn es immer heißt:

Ohne Geld geht gar nichts.

Da ist uns doch glatt das Kind abhanden gekommen und wir stehen da mit den Kleidern in der Hand und diskutieren, ob sie gebügelt werden dürfen. Wir verstehen die Zusammenhänge besser als früher, wir kommen aber schwerer zum Punkt. Eine Kollegin, die Gemeindeprozesse in den Philippinen im Auge hat, hat sich dort sagen lassen, wir würden als erstes ein Logo entwerfen, statt zunächst einmal zu klären, was wir wirklich wollen.

die gute alte Jungsteinzeit

Damals hatte man sein Leben. Häuser- und Brunnenbau wurden erfunden, denn man begann mit Ackerbau und wurde seßhaft. Bildung, Nahrungszubereitung, Kinderpflege, Ehrenamt und all die Dinge, die wir heute in unserem Leben voneinander trennen, waren in einem einzigen Block: Sozialkontakte. O, Moment, Ehrenamt gab es damals wirklich nicht, denn es gab ja kein Hauptamt. Das Leben war ein Großesganzes. Man schlief, man arbeitete, man lebte. Man stellte Kleidung her und Schmuck. Man lernte, Materialien auf verschiedene Weise herzustellen und einzusetzen. Man probierte sich in Zeichen, die schon ein bißchen wie Schrift waren.

Coworking, agiles Arbeiten und andere Veränderungen

Mit den Augen eines Steinzeitmenschen sind die Wohnungen, in denen wir leben, mit hoher Wahrscheinlichkeit grausam, denn sie trennen uns voneinander. Unsere Lebensweise ist mit Sicherheit und Wohlstand verknüpft. Anders können die meisten von uns es kaum noch denken. Und wenn manche von uns es einmal anders denken, wird es mit den Maßstäben, die man hat, eingeortet.

  • Würden Sie in einem Langhaus leben wollen? Ganz ohne Privatsphäre?
  • Heute muss man für seine Rechte kämpfen. Ohne Urheberrechte wären kreativ Tätige verloren.
  • Mit dem Internet spielen Jugendliche - Erwachsene beuten es aus.
  • ... [Thesen, als sei nichts gewesen]

Derweil wird in Essen munter im Unperfekthaus gearbeitet.

Die Nerdigen unter uns Pastorentöchtern fahren auf die re:publica und feiern ihre Hippheit. In unserem Pfarreientwickungsprozess sitzt nicht  e i n  Mensch, der jemals von dieser Konferenz gehört hätte.

Wir sind für tausende Tote in Erzgruben in Afrika verantwortlich. Wir sehen sie ja nicht. Aber das Handy funktioniert nicht mehr und wir brauchen ein neues.

Wir werden mit Informationen zugemüllt, bis wir uns nicht mehr bewegen können. Geistig nicht mehr bewegen können. Wer das lernt, kann die Mittel des 21. Jahrhundert nutzen, so wie damals die Menschen in der Jugsteinzeit mit Beil, Sichel und Rad umgehen lernten. Der Pflug, der Brunnen, ... . Das Programmieren, das Kommunizieren, das Vernetzen, das Ich, die Anderen, Kultur, Leben.

Das Langhaus unserer Zeit ist vielleicht das BarCamp oder Orte wie das Unperfekthaus. Orte und Zeiten, an denen Menschen sich finden (sich selbst mit ihren je eigenen Interessen und Stärken, mit Durst und Hunger, mit Neugier und Schwammdrüber). Da wird das Leben wieder ganz. Es ist ein Spiel. Das Ganze. Es ist leicht und erfordert doch Erfahrung und Geschick. Nicht jeder kann alles. Manche Menschen lernen das schon: Nicht jeder kann alles und für Geld kann man eben doch nicht alles kaufen. Das versteht nicht jeder Mensch. Wer sein Leben lang gespart hat, eine Familie sein Eigen nennt, trainiert und bodybuildet, wird mit den gleichen Voraussetzungen woanders landen als einer, der sein Geld ausgibt, pflanzt, redet und hört, liest, singt, hilft, versagt, Angst hat und auch Feste feiert.

Lesen Sie dies Buch

Alte Wege - Robert Macfarlane

Darin las ich von alten Wegen, an deren Beginn und Ende eine Sichel an einem Zaun hing. Die nahm der Wandernde zu Beginn mit und hängte sie am anderen Ende wieder hin. Was tat er damit? Er schlug auf seinem Weg Wucherndes zur Seite. Er sichelte Hinderndes aus dem Weg. So blieb der Weg gepflegt, ohne das es eines Amtes bedurfte. Menschen, die einander niemals zu Gesicht bekamen, kannten diese Funktion. Wege wurden von einer Gemeinschaft gepflegt, die nur offen funkionieren konnte.

ISBN 978-3-95757-243-1