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Dorothee Janssen

Der Tag, an dem wir begannen zu zweifeln

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Der Erste an der Kirchentür war ein mir fremder Mann, von dem es später hieß, er sei schon beim Gemeindefest gewesen. Man sagte später auch, er sei schon als Kind ... seltsam gewesen.

Die Küsterin wurde von ihm mit Namen begrüßt. Er sprach mit sich selbst. In der noch dunklen Kirche saß er hinten und schimpfte über die immer weniger werdenden Messen und brabbelte unsinniges Zeug. Ich mischte mich in seine Selbstgespräche ein und erfuhr, dass er im Obdachlosenheim wohnt und alles verloren hat. Sein Schwiegervater würde bald kommen, sagte er, und nannte dessen Namen und ich dachte, dass dieser bekannte ältere Herr unserer Gemeinde darauf nicht gefaßt sein würde.

Das Eigentliche ist doch die Heilige Messe, zu der die Gemeinde sich am Sonntag versammelt. Ein plärrendes Kind und ein ausrastender Psychot sind Störungen. Die Störung müsste so nachhaltig sein, dass wir ins Nachdenken kämen. Da stimmt doch was nicht. Wenn alle Getauften, sagte der predigende Priester, am Sonntag in die Messe strömten, das wäre eine Welle, die alle mit sich risse. Wir sitzen da und hören die Predigt und gehen dann wieder. Da stimmt doch was nicht.

Unsere Küsterin kam aus der Spur. Sie fand Dieses und Jenes nicht mehr, musste immer wieder fragen, schaltete beim Beginn der Messe das wenige Licht aus statt alle Lichter an. Dann begrüßte der Priester die Gemeinde mit "Satans List, die uns zur Sünde führte ... ." Da rastete der mir fremde Mann in der letzten Reihe aus. Er beruhigte sich nicht wieder. Schließlich musste er hinaus geführt werden und wir konnten den Rest der Messe beinah ungestört hören.

Waiting For Godot Tragic Trailer Feb 2010 from Totally Theatre on Vimeo.

Der Mann schrie und tobte vor der Kirche. Einige von uns gingen hinaus, um mit ihm zu sprechen. Aber er kam kaum zur Ruhe. Er habe alles verloren, sagte er, und dass der Satan in der Kirche nichts zu suchen habe. Wir anderen sprachen mal mit ihm, mal miteinander. So erfuhr ich Einiges, das mir seltsam erschien. Ich fragte die anderen, ob nicht auch dieser Mann ein Mensch sei. Wir waren fassungs- und sprachlos. Und ich dachte, dass eine Gemeinde gut funktionieren kann, wenn die Menschen in ihr leben und sich bewegen und sich bewegen lassen. Die Einen wollen ihre Ruhe, die Anderen gestalten die Kultur der Gemeinde.

Am Ende der Messer las der Priester eine Verlautbarung der Personalabteilung des Bistums vor, aus der man verstehen konnte, dass unser Pfarrer die Gemeinde verlassen wird. Dass ihm eine Sabbatzeit gewährt wid, fand der die Verlautbarung verlesende Priester ausdrücklich gesundheitsförderlich für unseren Pfarrer. Aber auf dem Kirchplatz sprach man mehr über den einsetzenden Regen und den psychisch kranken Mann, von dem allerdings niemand sagte, er sei psychisch krank. Er hatte halt den Gottesdienst gestört. Und von den 25 Kommunonkindern waren nur 4 da gewesen.

Wir Angestellten der katholischen Kirche können mit Hilfe rechnen, wenn wir ratlos und ausgebrannt sind. Aber dieser Mann, der heute als Erster vor unserer Kirchentür stand, weiß nicht, wie das Leben funktioniert. Man habe ihm alles genommen, sagt er. Und die anderen sagen, dass er aggressiv wird und man schön öfter die Polzei habe rufen müssen und er dann in eine geschlossene Anstalt kommt.

Ich möchte nicht in einem Obdachlosenheim wohnen. Ich möchte auch nicht in einem Flüchtlingsheim wohnen. Ich habe einfach nur Glück gehabt (gut, ja, lassen Sie uns jetzt bitte nicht streiten über Worte). Aber wohl ist mir dabei nicht. Wir haben ein Grundgesetz, das wir nur für die Menschen in unserem Land verbindlich Wirklichkeit werden lassen können, die sich anpassen. Wer das nicht schafft, verliert seine Würde. Und das ist eine Katastrophe. Auch wir Christen haben dafür keine Lösung. Wir schützen in erster Linie unser Eigentum. Aber was wird uns das nützen? Auf Dauer, meine ich. Ich meine: über die jetzige Zeit hinaus. Denn wenn ich nicht an Gott glaube, kann ich mein Leben organisieren und abischern. Aber wenn ich an Gott glaube, darf keiner verloren gehen.

Timeless from Abby Middleton on Vimeo.

Ich habe dem fremden Mann versprochen, ihn morgen in dem Obdachlosenheim zu besuchen. Er wusste nicht mal, in welcher Straße er wohnt. Aber das wussten die anderen. Wir Gemeindemitglieder haben darüber gesprochen, wer wen anruft und wie wir Kontakt mit Hilfestellen aufnehmen. Aber ganz ehrlich: Hoffnung hab ich nicht für ihn. Und wir? Wir geben unser Bestes. Versprochen. Wenn Sie bitte für uns und den Mann beten würden?